Der Partille Cup in Göteborg ist das größte Handballturnier der Welt. Dieses Jahr nahmen 1207 Nachwuchs-Teams aus 36 Ländern mit zirka 21.500 Spieler*innen, Trainer*innen und Betreuer*innen teil.

Die zirka 4.500 Spiele werden von ungefähr 250 Schiedsrichter*innen (aus 20 Ländern) geleitet. Nur wenige von ihnen bekommen die Möglichkeit, am letzten Tag eines von 18 A-Playoff-Finalen zu leiten.

Dieses Jahr wurde diese Ehre einem Fürstenfeldbrucker Schiedsrichter-Team zuteil: Linus und Philipp Ruhwandl wurden für das G14-Finale nominiert.

Wie kam es dazu, dass ihr dieses Finale pfeifen durftet?

Wir sind das zweite Jahr beim Partille Cup gewesen. Die Schiedsrichter*innen werden über die Turnierwoche beobachtet und diejenigen, von denen sich die Turnierleitung sich „die bestmöglichen Partille Finalspiele“ erwartet, werden dann für die Finals eingesetzt. Letztes Jahr bekamen wir nach 34 Spielen (in 4 Tagen) ein B-Finale, das hat uns schon sehr gefreut, dieses Jahr nach 32 Spielen das A-Finale. Das waren wir natürlich komplett begeistert.

Wie war das Erlebnis?

Großartig. Die A-Finalspiele finden in den Hauptarenen mit dreiseitiger Tribüne statt. Man läuft mit den Teams ein, die Nationalhymnen werden gespielt (bei uns die schwedische und die dänische), die anderen Teams der Final-Vereine und deren Anhänger*innen feuern das ganze Spiel lautstark an – es geht ja schließlich um den Titel eines großen Turnieres.

Und dann schaut auch schon mal Handballprominenz zu. Dieses Jahr sind unter anderem Nicolaj Jakobsen, Ljubomir Vranjes und Hassan Moustafa bei dem Turnier vorbeigekommen. Letztes Jahr stand, als wir auf unser erstes Spiel warteten, Matias Andersson auf einmal neben uns. Im Internet gestreamt werden diese Spiele auch – da kann dann jede Entscheidung im Nachhinein auch noch kontrolliert werden.

Nach dem Spiel kamen die Trainer von beiden Teams auf uns zu und haben sich für eine hervorragend geführte Partie bedankt. Das hat uns sehr gefreut und das Erlebnis noch perfekt abgerundet.

Ihr habt dort nun insgesamt 78 internationale Spiele geleitet. Aus welchen Nationen waren die Teams – gibt es hier Unterschiede?

Insgesamt haben wir dort jetzt Teams aus 14 Ländern pfeifen dürfen (Schweden, Norwegen, Dänemark, Brasilien, Belgien, Portugal, Finnland, Polen, Frankreich, Schottland, Kroatien, Island und Färöer-Inseln, manchmal auch Deutschland). Dabei lässt sich feststellen, dass die Art zu Handballspielen sehr unterschiedlich ausfällt. Nicht nur taktisch, sondern auch was die Teams von den Schiedsrichter*innen gewohnt sind.

So gibt es in verschiedenen Ländern unterschiedliche Sonderregeln oder auch differierende Regelauslegungen für unterschiedliche Jugenden. Da kommt es dann zuweilen schon vor, dass ein Pfiff auf Verwunderung stößt. Allerdings muss man bei diesem Turnier diese Sonderregeln außer Acht lassen, denn sonst kann man keiner Partie gerecht werden.

Wie ist es gelungen euch für ein Finale zu qualifizieren?

Die genauen Kriterien kennen wir auch nicht. Man versucht einfach jedes Spiel bestmöglich zu leiten, ob Boys 16 bei Sturzregen oder Girls 12 bei sengender Sonne.

Allerdings haben wir in ganz vielen Spielen ein sehr positives Feedback bekommen, von Trainer*innen und Spieler*innen – auch von den unterlegenen Teams (die Gewinner sind ja meist eher zufrieden mit der Schiedsrichterleistung), oft auch noch mehr und konkreter von leistungsstärkeren Teams.

Unsere Philosophie beim Pfeifen ist, dass wir die Bedingungen schaffen müssen, dass die Spieler*innen möglichst gut Handball spielen können. Der Angriff bekommt die Möglichkeit kreativ erfolgreich zu sein, aber auch die Abwehr bekommt eine Chance für eine erfolgreiche Verteidigung. Dafür braucht es eine klar nachvollziehbare Linie und viel Kommunikation, damit die Teilnehmer*innen die Entscheidungen verstehen und sich darauf einstellen können.

Das ist natürlich nicht immer einfach, auch da man aufgrund der unterschiedlichen Spielstile häufig ungewohnte Situationen bewerten muss.

Aber alle bereiten sich vor um ihr Bestes geben – das zu Ermöglichen ist Aufgabe der Schiedsrichter*innen. Und wenn das funktioniert und ankommt, dann freuen sich tatsächlich oft alle auch über die Schiedsrichterleistung und sagen das auch. Das ist immer wieder eine schöne Erfahrung.

Apropos – ist euch etwas aufgefallen, was in anderen Ländern anders ist bzgl. Schiedsrichter*innen?

Zum einen fällt auf, dass viele und die schwedischen Schiedsrichter-Teams eigentlich alle mit Headset pfeifen. Es ist eine Möglichkeit die Spiele besser leiten zu können, also nutzt man dies. Wir pfeifen wo es geht auch mit Headset und können das nur bestätigen. Alles, was die Schiedsrichterleistung verbessert, ist hier gewünscht.

Ein anderer, ganz markanter Punkt ist der wirklich sehr respektvolle Umgang miteinander. Ganz besonders bei den schwedischen Teilnehmer*innen, obwohl die kein bisschen weniger ehrgeizig sind. Das ist bezüglich Sportsgeist und Vorbildverhalten für die Jugend auf einem ganz anderen Level als in Deutschland.

Hier können wir uns – ähnlich wie es mancher Fußballlehrer beim Handball erkennt – noch einiges abschauen.

Werdet ihr wieder zu dem Turnier fahren?

Das Turnier ist großartig organisiert und neben den vielen Spielen, die zu pfeifen sind (zirka 30 in 4 Tagen plus ggfls. Finalspiele am letzten Tag), gibt es die Eröffnungsfeier mit über 11.000 Handball-Begeisterten und die „Leaders- and Refereeparty“ im Scandinavium, sowie jede Menge Gelegenheit zum Austausch mit anderen Handballer*innen aus der ganzen Welt.

Wir wurden von den Schiedsrichterverantwortlichen persönlich wieder eingeladen und angefragt, ob wir nicht auch zum Turnier nach Lund kommen könnten.

Wenn wir es im Terminplan unterbekommen sind wir auf jeden Fall wieder am Start.